Künstliche Intelligenz intelligent einsetzen

Das Leistungsspektrum heutiger KI-Modelle schwankt zwischen magisch wirkenden Ergebnissen und haarsträubenden Fehlern. Die Stärken wirtschaftlich zu nutzen, ohne sich neue Probleme zu schaffen, erfordert Kompetenz und Erfahrung.

In diesem Sommer wird Bremen zum internationalen Zentrum der künstlichen Intelligenz: Vom 11. bis 14. August findet hier die 49. Deutsche KI-Konferenz statt und vom 15. bis 21. August geht es weiter mit der internationalen KI-Wissenschaftskonferenz IJCAI-ECAI. Rund 4000 internationale Gäste aus Wissenschaft und Wirtschaft werden in den zehn Tagen in der Hansestadt erwartet.

Für Unternehmen bieten die Events und das Begleitprogramm die Chance, sich nicht nur umfassend inspirieren zu lassen, sondern auch noch wertvolle Kontakte zu knüpfen. Auch nachdem die internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wieder abgereist sind, haben regionale Unternehmen weiterhin Zugriff auf erstklassige Forschungskapazitäten direkt vor Ort. „Der Standort Bremen hat eine große Dichte an Know-how-Trägern“, betont Dr. Sirko Straube vom Robotics Innovation Center des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).

Die Geschwindigkeit der Entwicklung macht es allerdings schwer, sich zu orientieren und die echten Chancen für das eigene Unternehmen zu identifizieren. „Wir kommen aus einer Zeit, in der wir KI sehr spezialisiert eingesetzt haben“, so Straube. „Für einzelne Anwendungen wie Navigation oder Bilderkennung nutzen wir die Technologie schon länger. Jetzt haben wir eine Situation, die uns vorgaukelt, man hätte plötzlich eine generalisierende KI, die immer eine Antwort gibt.“ Diese Modelle täuschen laut Straube Transparenz vor, liefern sie aber nicht. „Es gibt auch verschiedene Studien, die zeigen, dass die Fehlerrate dieser Bots weiterhin sehr hoch ist.“

Das DFKI setzt daher weiterhin stark auf die gezielte Optimierung von Systemen für konkrete Anwendungen in Bereichen wie Unterwasserrobotik, Industrie oder Gesundheitswesen. So sind die Unterwasserroboter mittlerweile nicht mehr nur in der Lage, Inspektionsfahrten durchzuführen, sondern können teilweise auch mit Greifarmen aktive Tätigkeiten ausführen. Eine Anwendung, an der konkret gearbeitet wird, ist die Räumung von Munition aus dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee.

KI braucht Leitplanken

„Die entscheidende Frage ist nicht, was KI theoretisch kann, sondern wie daraus belastbare, sichere und rechtskonforme Anwendungen entstehen. Nicht der Hype zählt, sondern der Weg zu Lösungen, die in der Praxis tragen und konkreten Nutzen stiften“, sagt Handelskammer-Vizepräses Dr. Thorsten Haase. So einfach, wie es die amerikanischen KI-Konzerne erscheinen lassen, ist es nämlich doch nicht – jedenfalls dann, wenn geltende Gesetze eingehalten und Sicherheitslücken vermieden werden sollen.

„Die Regeln für die Softwareentwicklung haben sich nicht geändert, nur weil plötzlich eine KI die Software schreibt“, betont Dr. Jörn Syrbe, der vor einem Jahr von der Universität Bremen zu Neusta gewechselt ist. Eine zentrale Frage betreffe die Compliance: Wie wird sichergestellt, dass Regularien wie der EU AI Act oder die Datenschutzrichtlinien eingehalten werden? Eine Antwort biete das sogenannte „Spec-Driven Development“, bei dem die KI ganz klare Leiplanken gesetzt bekommt, was sie tun soll und was nicht. Unter diesen Bedingungen sei die KI eine echte Hilfe, sagt Syrbe.

Eine andere Herausforderung sieht Team Neusta darin, die Abhängigkeit von den großen KI-Konzernen zu minimieren. Digitale Souveränität ist nicht nur aus Gründen des Datenschutzes ein drängendes Thema, sondern auch wegen der zunehmenden Ausnutzung von wirtschaftlichen Abhängigkeiten als politisches Machtinstrument. Nicht zuletzt sorgen die Konzerne selbst auch für Verunsicherung, indem sie regelmäßig die Lizenzbedingungen ändern. Für Softwareanbieter wie Neusta kann das sowohl zu steigenden Kosten als auch zu komplizierten Rechtsfragen mit den eigenen Kunden führen. Das Unternehmen setzt daher zunehmend auf Open-Source-Lösungen, die laut Syrbe auch schon viele Zwecke sehr gut erfüllen.

Mehr als 10 Prozent mehr Produktivität

Encoway-CEO Christoph Ranze sieht die Entwicklung ebenso differenziert. Das Programmieren könne noch lange nicht allein der KI überlassen werden, sagt er, aber sein Unternehmen habe inzwischen bereits zwischen 10 und 15 Prozent Produktivitätsgewinn in der Softwareentwicklung erreicht. Für Tätigkeiten wie das Testen, die Vervollständigung von Code und die Dokumentation sei KI eine echte Unterstützung. Auch die Qualität lasse dabei nichts zu wünschen übrig: „Es hängt davon ab, wie man die Technologie einsetzt, ob Müll dabei herauskommt.“

Andrerseits: Wenn man die Kontrolle über den Code komplett aus der Hand gebe, sei das kritisch. Das sei nicht so sehr eine Frage der Fehleranfälligkeit, denn auch Menschen bauen Fehler ein. „Aber es ist eine Frage der Beherrschbarkeit. Das ist ein Feld, in dem wir zumindest sehr aufmerksam sein sollten.“ Gerade hier liege jedoch eine Bremer Stärke: Die Zusammenführung des deutschen Ingenieurswissens und des klassischen, transparenten KI-Ansatzes mit der neueren generativen KI der Sprachmodelle sei etwas, „wovon wir massiv profitieren können“, so Ranze.

Mittelständischen Unternehmen legt er nahe, die Bremer Innovationslandschaft in Anspruch zu nehmen, denn die Technologie entwickele sich schneller, als die meisten aus eigener Kraft bewältigen können. Wichtig sei, dass die Unternehmen sich für Kooperationen öffnen – auch mit der Wissenschaft.

Team-Neusta-Vorstand und HEC-Geschäftsführer Dr. Thorsten Haase ist ebenfalls überzeugt, dass Bremen beste Voraussetzungen hat, von KI zu profitieren – zum einen durch seine Hochschulen und Institute sowie die Innovationskraft der Digitalunternehmen, aber auch wegen der starken Wirtschaftscluster: „Wenn es gelingt, die Expertise in Bereichen wie Luft- und Raumfahrt oder Logistik mit der KI-Kompetenz in der gesamten Metropolregion noch enger zu verzahnen, kann daraus ein deutlicher Entwicklungsschub für den Standort entstehen.“

robotik.dfki-bremen.de
encoway.de
team-neusta.de

KI-Netzwerk-Event mit dem Präsidenten von Sony AI

Die Handelskammer Bremen veranstaltet am 13. August von 16.30 bis 19.30 Uhr ein exklusives Industrial Networking Event, das die KI-Kompetenz und die vielfältigen Anwendungsfelder künstlicher Intelligenz im Norden Deutschlands in den Mittelpunkt stellt. Als Keynote-Sprecher wird Michael Spranger, Präsident von Sony AI, über die Rolle von KI bei Sony sprechen. Darüber hinaus werden unter anderem Anwendungsbeispiele von Mercedes Benz (KI-basierte Kamerasysteme in der Produktion), HEC (KI-unterstützte Auftragsabwicklung in der Logistik), Fuseki (KI-Implementierung in der Unternehmenspraxis) und Ma-Co Maritimes Competenzcentrum (KI-Transformation in der Hafenwirtschaft) vorgestellt. Veranstaltungsort ist die Handelskammer Bremen (Am Markt 13).
handelskammer-magazin.de/ki-im-norden

Bild oben:
Das Foto zeigt das Kontrollzentrum für autonome Fahrzeuge der Firma Topas.
Foto: Karsten Klama