Außenwirtschaft in der Pandemie

Covid-19 hat die Außenwirtschaft innerhalb kürzester Zeit zu dramatischen Umstellungen gezwungen. Die Folgen der Krise werden noch lange nachwirken, aber verschiedene Unterstützungsangebote stehen bereit. Einige Bremer Unternehmer haben derweil auch eigene Strategien entwickelt.

Die Aussichten des deutschen Außenhandels haben sich in den vergangenen Monaten wieder deutlich eingetrübt: Sowohl der Ifo-Geschäftsklimaindex als auch die Prognosen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) deuten auf einen Rückschlag hin. Der Außenhandel wird die Corona-bedingten Einbußen in Höhe von 10 Prozent voraussichtlich noch nicht im Jahr 2021 ausgleichen können.

Bremer und Bremerhavener Unternehmen sind von dieser Entwicklung besonders betroffen, denn die hiesige Wirtschaft weist mit Abstand die höchste Exportquote aller Bundesländer auf – rund 60 Prozent aller Waren und Dienstleistungen sind für das Ausland bestimmt. Pro Einwohner wurden im Vorkrisenjahr 2019 noch Werte in Höhe von fast 30.000 Euro ausgeführt.

Die größten Herausforderungen, vor denen die Außenwirtschaft zurzeit steht, gliedern sich in drei Bereiche: unterbrochene Lieferketten, schmerzhafte Forderungsausfälle und eingeschränkte Reisemöglichkeiten. Bei der Bewältigung dieser Schwierigkeiten stehen umfassende Unterstützungsangebote zur Verfügung. Viele Bremer und Bremerhavener Unternehmen haben jedoch auch eigene Strategien entwickelt, um die Durststrecke heil zu überstehen.

Lieferketten

Wichtige Lieferketten gerieten bereits ins Schlingern, als das Virus noch gar nicht in Deutschland angekommen war. Die Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Verhinderung der Ausbreitung von Covid-19 stoppten auch die Transporte von Medikamenten und anderen essenziellen Gütern. Damit wurde auf einen Schlag klar, wie abhängig die gesamte Weltwirtschaft vom reibungslosen Ablauf der Warenkreisläufe ist.

Just-in-time-Lieferketten könnten zum Beispiel auf vielen Stufen durch das Anlegen größerer Sicherheitsbestände abgepuffert werden.

Michael Schütte

Einige Probleme halten bis heute an. So stapeln sich beispielsweise leere Container in einigen Regionen der Welt, deren Exporte noch nicht wieder in Schwung gekommen sind. In anderen Regionen läuft der Handel schon wieder auf Hochtouren, aber die Transportbehälter sind nicht in ausreichendem Maße verfügbar.

Die Industrie überdenkt daher nun ihre Wertschöpfungsketten: „Just-in-time-Lieferketten könnten zum Beispiel auf vielen Stufen durch das Anlegen größerer Sicherheitsbestände abgepuffert werden“, sagt Michael Schütte, geschäftsführender Gesellschafter der Joh. Gottfried Schütte GmbH & Co. KG. „Dahinter steht die Frage, wie abhängig können und dürfen wir von einzelnen (asiatischen) Lieferländern sein? Möglicherweise kann Osteuropa ein Gewinner dieser Entwicklung sein.“

Bei der Henry Lamotte Oils GmbH (ALM) gehört die Robustheit der Beschaffungswege ebenfalls zu den zentralen Geschäftsgrundlagen. „Die natürlichen Rohwaren für unsere hochwertigen Öle stammen aus rund 50 Herkunftsländern“, betont Geschäftsführer Albert Lamotte. „Für uns zählt deshalb die Aufrechterhaltung unserer Wertschöpfungsketten zu den wichtigsten Aufgaben in dieser Pandemie.“ In der Beschaffung halte sich das Unternehmen deswegen seit jeher an das Prinzip des Multisourcings zur Risikominimierung, sagt er.

Unternehmen, die von Störungen in internationalen Lieferketten betroffen sind, erhalten Unterstützung bei den Kontaktstelle Lieferketten des Bundes und der Länder. Beispiele, bei denen die Kontaktstelle tätig werden kann, sind Störungen der Lieferkette durch neu entstandene Handelshemmnisse oder protektionistische Maßnahmen. Auch abweichende Regelungen in gesetzlichen Quarantäne-Verordnungen, Rohstoffengpässe oder spezifische Verfahrensfragen zu Exportdokumenten können angesprochen werden.

Die bremische Kontaktstelle für internationale Lieferketten, die in Kooperation mit der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa betrieben wird, ist an der Handelskammer Bremen – IHK für Bremerhaven angesiedelt und unter 0421-3637 241 oder kontaktstelle-lieferketten@handelskammer-bremen.de erreichbar.

Forderungsausfälle

In der Krise leiden viele Unternehmen nicht nur unter einem Rückgang der Auftragseingänge, sondern auch unter einem Anstieg der Zahlungsausfälle. Die Bundesregierung federt dieses Risiko mit einer Staatsgarantie ab – dem „Schutzschirm für Lieferketten“, der kürzlich bis zum 30. Juni 2021 verlängert wurde. Der Schirm spannt sich über die Warenkreditversicherer und senkt für sie das Risiko, außenwirtschaftliche Aktivitäten von Unternehmen zu versichern. Die Versicherer verpflichten sich im Gegenzug, entsprechende Angebote für die Außenwirtschaft zur Verfügung zu stellen.

Weitere Informationen zum Schutzschirm für Lieferketten finden Sie hier.

Reisen

Im außenwirtschaftlichen Tagesgeschäft wirken sich die Einschränkungen der Reisemöglichkeiten für viele Unternehmen am meisten aus, denn die Gewinnung von Neukunden und die Pflege der bestehenden Beziehungen werden durch persönliche Kontakte deutlich erleichtert. Die Anforderungen variieren von Land zu Land und verändern sich ständig. Bei der Handelskammer Bremen gehen daher viele Fragen zu den jeweils aktuellen Reise- und Quarantänebestimmungen ein.

„Ein negativer Faktor sind insbesondere die stark eingeschränkten Reisemöglichkeiten zwischen Europa und Asien, aber auch innerhalb Asiens“, sagt Nicolas Helms, Managing Partner der C. Melchers GmbH & Co. KG. „Das führt dazu, dass sich die einzelnen Märkte und Aktivitäten wesentlich selbstständiger vom deutschen Mutterhaus entwickeln müssen.“

Das Risiko kann man nur für sich selbst übernehmen.

Thilo Schmitz

Ein Vorteil seien dabei die zahlreichen eigenen Auslandsbüros der Melchers-Gruppe, sagt Helms. „Bei vielen unserer deutschen Partner erleben wir aktuell die Herausbildung einer neuen ‚Asienstrategie der Zukunft‘, die darauf baut, lokale Präsenzen so zu etablieren, dass man gerade auch in Zeiten der eingeschränkten Reisemöglichkeiten weiter gut aufgestellt ist.“

Wenn dennoch Reisen notwendig erscheinen, stellt sich den Unternehmern auch eine ethische Frage: Ab wann ist das Risiko zu groß, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entsenden? „Ich selbst war zwar im November noch zweimal in Südamerika, aber meinen Mitarbeitern hätte ich das nicht mehr zugemutet“, sagt Thilo Schmitz, Geschäftsführender Gesellschafter der Carpe Diem GmbH. „Das Risiko kann man nur für sich selbst übernehmen.“

Die Digitalisierung und das Home Office haben in den befragten Unternehmen daher innerhalb des letzten Jahres verstärkt Einzug gehalten.

Eine Übersicht über die aktuelle Situation in vielen Auslandsmärkten bietet Germany Trade & Invest auf dieser Website.

Handelskammer berät

Bei der Handelskammer gehen unterdessen zahlreiche weitere Fragen und Anregungen von Mitgliedern ein. „Ein wichtiges Thema ist das breitere Aufstellen von Lieferketten oder auch die Rückverlagern von Lieferketten nach Europa, um zukünftig nicht mehr ganz so abhängig zu sein“, berichtet Torsten Grünewald vom Bereich International der Handelskammer. „Inwiefern sich die Strukturen des Welthandels nachhaltig ändern, muss man abwarten.“

Täglich spürbar ist für viele Unternehmen allerdings nicht nur das Problem mit den Fernreisen nach Asien, sondern auch die temporäre Einschränkung des innereuropäischen Verkehrs. Lkw-Fahrer sind nach dem Grenzübertritt oft schon auf vergleichsweise kurzen Strecken zur Quarantäne gezwungen, weil sie Waren aus einem Hochrisikogebiet abgeholt haben. „Unser Transportgewerbe und das produzierende Gewerbe sind auf weitgehend offene Grenzen in Europa angewiesen“, betont Caroline Strothmann, die sich im Geschäftsbereich International ebenfalls mit den Corona-bedingten Auswirkungen auf die bremische Außenwirtschaft auseinandersetzt.

Weitere Themen, so Grünewald und Strothmann, seien die Notwendigkeit von einheitlich geregelten und verständlich formulierten Quarantäne-Verordnungen, ausreichend verfügbare Testkapazitäten sowie nachvollziehbare Impfstrategien, die es den Unternehmen ermöglichten, Auslandsreisen wieder besser und langfristiger zu planen.

Die Handelskammer hat auf den gestiegenen Beratungs- und Informationsbedarf beim bremischen Außenhandel reagiert und bietet neben umfangreichen Informationen auf der Homepage unter „Beraten und informieren“ (Rubrik „Außenwirtschaft“) auch zunehmend virtuelle Veranstaltungen sowie außenwirtschaftsbezogene Informationsangebote bei Twitter und Facebook an.

Lesen Sie auch die Erfahrungsberichte aus vier Bremer Unternehmen zum Thema „Außenwirtschaft in der Pandemie“.