Umsatzrückgänge zwischen 40 und 100 Prozent

Stefan Brockmann, Vizepräses der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven, berichtet im Interview von der Lage im Einzelhandel.

Gibt es bereits konkrete Zahlen zu den Umsatzverlusten im Einzelhandel?

Genaue Zahlen gibt es noch nicht, aber wir haben Hochrechnungen für das Jahr 2020. Im stationären Non-food-Handel gehen wir je nach Branche von einem Umsatzrückgang von 20 bis 35 Prozent aus – bezogen auf alle zwölf Monate. In diesem Jahr hören wir bei den bis vor kurzem komplett geschlossenen Geschäften von Umsatzrückgängen zwischen 40 Prozent und 100 Prozent.

Wie schätzen Sie die Gefahr für Insolvenzen ein?

Bei großen Unternehmen sind ja bereits mehrere Insolvenzverfahren bekannt. Betroffen sind aber auch Bremer Traditionsgeschäfte. Bei einigen gibt es keine Fortführungsperspektive mehr. Ich befürchte, das ist noch lange nicht das Ende. Je länger die Unternehmen nicht vollständig öffnen, desto größer wird die Zahl an Insolvenzen.

Sind die Überbrückungshilfen ein wirksames Instrument?

Es dauerte lange, bis sie überhaupt erst beantragt werden konnten. Und sie helfen erst, wenn das Geld tatsächlich auf dem Konto ist. Die Überbrückungshilfen lindern auch nur einen Teil der Not, weil nur die Fixkosten erstattet werden. Im Gegensatz zu anderen Branchen werden die variablen Kosten leider ausgeblendet, also zum Beispiel die Ware, bei der die Händler ins Vororderrisiko gehen. Die Ware, die letztes Jahr im August unter guten Voraussetzungen für Februar bis August 2021 vorgeordert und gekauft wurde, kommt jetzt in die Läden. Die Händler haben bislang nur wenige Chancen, sie zu verkaufen, und natürlich fehlen ihnen auch die finanziellen Mittel, sie zu bezahlen. Händler können auch keine eigenen Gehälter entnehmen, sodass zusätzlich die eine oder andere Privatinsolvenz zu befürchten ist.

Es muss eine klare Perspektive geben, auf die man hinarbeiten kann.

Vizepräses Stefan Brockmann

Warum sind sie mit dem bisherigen Vorgehen des Bundes und der Länder unzufrieden?

Wir brauchen die Öffnungsperspektive nicht nur für einige Geschäfte, sondern für alle, und zwar verlässlich. Ursprünglich war der Lockdown bis zum 10. Januar terminiert, dann bis Ende Januar, bis Mitte Februar, bis zum 8. März und nun bis zum Osterwochenende – wir machen eine Verlängerung nach der nächsten. Gleichzeitig wurde über eine weitere Senkung des Sieben-Tage-Inzidenzwerts als Indikator für mögliche Öffnungen diskutiert. Wir können nicht immer die Spielregeln ändern. Es muss eine klare Perspektive geben, auf die man hinarbeiten kann. Das sind unhaltbare Zustände.

Befürchten Sie, dass der stationäre Einzelhandel einen Teil seines Geschäfts für immer an den Online-Handel verloren hat?

Das Risiko ist schon da. Es ist schwer zu sagen, wie sich die Tendenz nach der vollständigen Wiedereröffnung tatsächlich abbildet. Wahrscheinlich sind langfristige wirtschaftliche Schäden entstanden, die wir natürlich sehr gerne vermieden hätten.

Sehen Sie auch einen Hoffnungsschimmer, weil sich einige Unternehmen nun verstärkt mit der Digitalisierung und mit Innovationen auseinandergesetzt haben, die es vorher nicht getan haben?

Ja, wir können schon sehen, dass es einen Digitalisierungsschub gibt. Die digitalen Umsätze helfen natürlich auch, die Not zu lindern. Dennoch bleibt die persönliche Beratung, der persönliche Kontakt und die Möglichkeit des Anfassens der Waren vor Ort für einige Branchen das originäre Geschäft.