Vom Bau an den Schreibtisch

Mit Mitte 30 musste Mario S. sich wegen einer Sehbehinderung neu orientieren. Eine Weiterbildung bei der damaligen IHK Bremerhaven half ihm dabei.

Mario S. war Maurermeister, als er von einem Tag auf den anderen seinen Beruf aufgeben musste. „Ich konnte plötzlich auf der Wasserwaage die Blase nicht mehr richtig erkennen“, erinnert sich der heute 52-Jährige. Er ging zum Augenarzt und musste schon am nächsten Tag operiert werden. Die Diagnose: Netzhautablösung. Auf dem rechten Auge war er nun blind – das räumliche Sehvermögen war damit weg, ein Weiterarbeiten auf dem Bau nicht mehr möglich.

Wenn man wegen einer Behinderung aus seinem ursprünglichen Job herausfällt, ist der Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt schwer.

Mario S., Raumwerkerei

Rund 20 Jahre ist das jetzt her. Was folgte, waren sich abwechselnde Phasen von Arbeitslosigkeit, Umschulung und Ein-Euro-Jobs. „So groß ist die Auswahl an Jobs, die man mit Sehbehinderung machen kann, leider nicht“, sagt S. „Darum war der kaufmännische Bereich für mich praktisch die einzige Möglichkeit.“ Er machte eine überbetriebliche Ausbildung zum Bürokaufmann, fand in seinem neuen Beruf aber lange keine Arbeit. Nach einer Qualifizierung zum Finanzbuchhalter stellte ihn schließlich 2014 die Raumwerkerei ein – ein Inklusionsbetrieb in Bremerhaven, in dem Menschen mit und ohne Behinderung eng zusammenarbeiten. „Ich habe hier einen größeren Monitor als die anderen“, berichtet er, „aber ansonsten brauche ich keine besonderen Hilfsmittel.“

Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter

Vom Arbeitgeber finanziert machte er dann bei der damaligen IHK Bremerhaven auch noch eine Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter. „Das entspricht in der Bildungspyramide dem Niveau eines Handwerksmeisters, und das wollte ich unbedingt wieder erreichen“, erzählt er. Mittlerweile hat der 52-Jährige Prokura für seinen Betrieb mit mehr als 50 Beschäftigten und fühlt sich nach eigenen Angaben „beruflich gut angekommen und aufgehoben“. Zwar sei es anfangs eine schwierige Zeit für ihn gewesen, und natürlich wünsche er sich sein Augenlicht zurück: „Aber auf den Bau zurück möchte ich inzwischen nicht mehr, die Arbeit hier macht mir richtig Spaß. Rückblickend würde ich sagen, dass ich meine Nische gefunden habe.“

Leicht zu finden war diese Nische allerdings nicht. „Wenn man wegen einer Behinderung aus seinem ursprünglichen Job herausfällt, ist der Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt schwer“, hat S. festgestellt. Mit Mitte 30 praktisch wieder als Berufsanfänger dazustehen, habe viele Arbeitgeber offenbar abgeschreckt. Das Jobcenter allein könnte hier eine erfolgreiche Vermittlung aus seiner Sicht nicht leisten: „Da bräuchte es gezieltere Maßnahmen, um bei den Arbeitgebern mehr Türen aufzustoßen.“