Ohne Wirtschaft keine Verteidigung

Bei der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung „Zeitenwende konkret“ am 8. Januar im Haus Schütting gaben Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Thomas Röwekamp vielfältige Einblicke in die außenpolitische Sicherheitslage. Gemeinsam mit den Teilnehmenden diskutierten sie auch über die Rolle der Wirtschaft bei der Erhöhung der europäischen und deutschen Resilienz.

Die Verteidigung Europas bewegt die Öffentlichkeit zurzeit so sehr wie kaum ein anderes Thema. Auch in Unternehmen ist der Informationsbedarf erheblich: Bei der Veranstaltung „Zeitenwende konkret“ war der Große Saal im Schütting bis in die letzten Winkel gefüllt.

Bremen und Bremerhaven nehmen für die Verteidigung Deutschlands aufgrund ihrer logistischen Infrastruktur und der leistungsstarken Verteidigungswirtschaft eine besondere Rolle ein. Im November hat der Haushaltsausschuss des Bundestages daher rund 1,35 Milliarden Euro für den Ausbau der militärisch nutzbaren Hafeninfrastruktur in Bremerhaven in Aussicht gestellt. „Diese Investition stärkt nicht nur unsere Wettbewerbsfähigkeit als Wirtschaftsstandort, sondern auch unsere strategische Leistungsfähigkeit als Schlüssel-Hub für internationale Sicherheits- und Logistikoperationen“, sagte Handelskammer-Präses André Grobien bei der Begrüßung der Gäste zur Veranstaltung „Zeitenwende konkret“ am 8. Januar.

„Die Lage ist ausgesprochen ernst“

Die Bedrohung ist nach Meinung der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, nicht mehr nur theoretischer Natur. „Die Lage ist ausgesprochen ernst“, betonte sie via Video-Live-Schaltung, da sie aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse nicht persönlich vor Ort sein konnte. „Unsere Gesellschaft ist hoch gefährdet durch hybride Angriffe.“

Die Lage sei auch deshalb „gespenstisch“, weil sich Europa auf seinen engsten Bündnispartner, die USA, nicht mehr verlassen könne. Daher sei nun ein Spagat erforderlich: Einerseits müsse man den Zugang zu US-Präsident Trump behalten, andererseits „gebietet es aber auch der Respekt vor dem eigenen Land, dem eigenen Kontinent“, sich nicht alles gefallen zu lassen, so Dr. Strack-Zimmermann.

Vor diesem Hintergrund könne Europa sich nur gemeinsam effektiv verteidigen, sagte sie. Und aus ihren zahlreichen Kontakten mit Abgeordneten der anderen Nationen berichtete sie, dass die deutsche Zurückhaltung nicht gut ankomme: „Alle Länder Europas wollen, dass Deutschland führt. Das ist ein Kompliment. Deutschland muss auf Augenhöhe mit Frankreich und Großbritannien an einem Strang ziehen.“

Dazu gehört laut Dr. Strack-Zimmermann, dass die EU sich auch wirtschaftlich stärkt. „Ohne Wirtschaft kann man auch keine Resilienz und Verteidigung aufbauen“, sagte sie. „Wir leben nicht mehr in der Nachkriegszeit und hoffentlich auch nicht in einer Vorkriegszeit, aber wir leben jetzt unter völlig anderen Bedingungen und müssen denen Rechnung tragen.“

„Die militärische Konfrontation mit Russland wird bleiben“

Auch der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag, Thomas Röwekamp, sieht massiven Handlungsbedarf. „Wir erleben jeden Tag, dass der Krieg auch hier gegen uns in Europa geführt wird“, sagte er. Zusätzlich zur hybriden Kriegsführung verstärke Russland an den Grenzen zu seinen westlichen Nachbarstaaten die Militärpräsenz und baue die Infrastruktur aus. „Egal, wann der Krieg in der Ukraine beendet ist, die militärische Konfrontation mit Russland wird bleiben“, betonte er daher.

Deutschland stehe jetzt vor zwei großen Aufgaben: der personellen Aufstockung der Bundeswehr und der Ausweitung der militärischen Fähigkeiten. „Wir müssen in Europa eigene Kompetenzen aufbauen“, sagte Röwekamp. Um die Ziele zu erreichen, müssten gesellschaftliche Systeme jedoch „neu justiert werden“. So müssten beispielsweise auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bereit sein, ihren Mitarbeitenden die Teilnahme an Reserveübungen zu ermöglichen.

Gleichzeitig gelte es seitens der Bundeswehr, die Beschaffung zu beschleunigen und auf breitere Füße zu stellen. Der Mittelstand sei von diesen Prozessen noch weitgehend ausgeschlossen, so Röwekamp. Zurzeit werde in Berlin jedoch an neuen Systemen gearbeitet, die mehr Unternehmen die Teilnahme ermöglichen sollen.

Äußere Sicherheit muss gleiche Priorität erhalten wie innere Sicherheit

Auf Seiten der Wirtschaft engagieren sich die Handelskammer Bremen und die IHK Nord bereits intensiv für die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Das aktuelle Positionspapier der IHK Nord zur Sicherheitspolitik liefert Impulse für die norddeutsche Zusammenarbeit. Am 15. April 2026 wird in Bremen darüber hinaus eine IHK-Nord-Sicherheitskonferenz ausgerichtet. Handelskammer-Präses André Grobien sprach sich in der abschließenden Diskussionsrunde auch für die Streichung der Zivilklauseln aus, die – nicht nur in Bremen – die zivil-militärische Kooperation in der Forschung und Entwicklung behindern.

Für derartige Veränderungen müssten die Menschen stärker mitgenommen werden als bisher, sagte Dr. Strack-Zimmermann. Es müsse vermittelt werden, dass die außenpolitische Sicherheit in der öffentlichen Debatte genauso hohe Priorität genießen sollte wie die innere Sicherheit. Ein Vorbild sei beispielsweise Finnland, wo jeder Bürger wisse, welche Aufgabe er im Ernstfall zu erfüllen habe, sei es im Krieg oder bei einer Naturkatastrophe. „Wenn ich weiß, was ich zu tun habe, baut das Ängste ab“, so die Europapolitikerin.

Thomas Röwekamp kritisierte die Grundhaltung, die sich durch das bequeme Verlassen auf den amerikanischen Schutz in der Bundesrepublik verbreitet hat: „Es ist ein Alleinstellungsmerkmal für Deutschland, dass wir so wenig bereit sind, uns für das Land einzusetzen, in dem man sein Leben lang sicher gelebt hat.“ Verantwortung heiße nicht nur, „sich selbst zu schützen, indem ich Wasser, Batterien und Taschenlampen im Keller habe“, sondern es gehe auch darum, Verantwortung und eine Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen. Dann sei die Zeitenwende in Deutschland gut zu bewältigen: „Wir können das, wir müssen es nur wollen.“

Positionspapier der IHK Nord zu Sicherheit und Verteidigung:
handelskammer-magazin.de/positionspapier-verteidigung

Bild oben:
V.l.: Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament, per Video zugeschaltet) diskutierte mit Thomas Röwekamp (Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag), Handelskammer-Präses André Grobien und Moderator Benjamin Piel (Chefredakteur des Weser-Kurier) über die europäische Verteidigungsfähigkeit.
Foto: Karsten Klama