Norddeutsche Unternehmerinnen trafen sich zum länderübergreifenden Wirtschaftsdialog

„Resilienz im Norden – Transformation gestalten statt verwalten“: Unter diesem Motto stand der erste Wirtschaftsdialog der norddeutschen Unternehmerinnen und Frauennetzwerke, zu dem die IHK Nord und die Handelskammer Bremen nach Bremerhaven eingeladen hatten. An zwei Tagen diskutierten rund 80 Teilnehmerinnen aus fünf Bundesländern über zentrale Zukunftsfragen des Wirtschaftsstandorts.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen verschieben sich, globale Abhängigkeiten werden neu bewertet, die Transformation ist in vollem Gange – und der Norden befindet sich mittendrin. Welche Impulse braucht die Region jetzt, um auch in Zeiten globaler Polykrisen stabil und zukunftsfähig zu bleiben? Und welche Strategien unterstützen die hier ansässigen Unternehmen am besten dabei, den Wandel aktiv zu gestalten? Auf der Suche nach Antworten auf zentrale wirtschaftspolitische Fragen wie diese hatte die Handelskammer Bremen während ihres diesjährigen Vorsitzes in der IHK Nord die Initiative für das neue Format ergriffen. Gemeinsam mit den anderen norddeutschen Kammern führte sie Frauen aus allen fünf norddeutschen Ländern zusammen.

Nach dem Auftakt mit einem gemeinsamen Besuch des Containerterminals und anschließendem Netzwerkabend folgte am zweiten Tag der fachliche Arbeitsteil im Kammergebäude Bremerhaven. Den Anfang machte Ingrid Spletter-Weiß, Mitglied des Vorstands der NordLB, mit einer Keynote zum Thema „Starker Norden, sichere Zukunft – Versorgungssicherheit und Resilienz als unternehmerischer Auftrag“. Viele der Wirtschaftsbereiche, die den Norden stark machten, stünden aktuell im Fokus, sagte sie und benannte beispielhaft die maritime Wirtschaft, erneuerbare Energien, die Logistikbranche sowie die Agrar- und Nahrungsmittelindustrie. „Zugleich bewegen wir uns in einem sehr unsicheren Umfeld. Gewisse Parameter, die bisher immer galten, gelten jetzt nicht mehr.“

In der Krise gestalten

Der verbreitete Wunsch, mehr gestalten zu wollen und weniger auf Krisen reagieren zu müssen, sei sehr nachvollziehbar, stellte Spletter-Weiß fest. „Ich fürchte allerdings, dass wir uns darauf einstellen müssen, in der Krise zu gestalten. Wir müssen jeden Tag neu überlegen, ob wir den eingeschlagenen Weg weitergehen wollen oder ob wir ihn verändern sollten.“ Das Warten auf stabile Rahmenbedingungen führe nicht weiter, denn mit denen sei absehbar nicht zu rechnen. Daher bedeute Resilienz letztlich, nicht auf Stabilität zu hoffen – sondern sich in laufenden Veränderungsprozessen immer wieder aufs Neue anzupassen. „Wer stehenbleibt, wird zurückfallen“, betonte sie.

Die aktuelle Situation sei eine Herausforderung: Aber in der Krise liege auch eine Chance. Um die zu nutzen, brauche es Kreativität, Mut, Ausdauer und eine Führung, die Orientierung biete. „Die Volatilität wird bleiben“, machte Spletter-Weiß deutlich. „Was hilft, sind funktionierende Netzwerke. Denn Kraft und Stärke liegen in der Zusammenarbeit.“

Sie sei davon überzeugt, dass der Norden mit seinen Kernkompetenzen und Schlüsselindustrien alles in sich trage, um eine Modellregion für die Transformation zu sein. „Dabei machen wir Frauen den Unterschied, und das sollte uns bewusst sein.“ Auf Nachfrage aus dem Publikum, wie sich dieser Unterschied in der Praxis ausspielen lasse, antwortete sie: „Wir Frauen agieren mehr mit Diplomatie und Empathie. Wir können besser über unsere Persönlichkeit führen und uns Verbündete suchen.“

„Gute Diskussionsgrundlage geschaffen“

Wohin steuert der Norden als Wirtschaftsregion? Diese Frage stand im Zentrum der anschließenden Fishbowl-Diskussion, die ein gemeinsames Nachdenken über Energie, Sicherheit und Handel zum Ziel hatte. Die erste Runde bestritten neben Ingrid Spletter-Weiß auch Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Hannover, und Lisa Haus, Hauptgeschäftsführerin der IHK zu Schwerin. Hinzu gesellten sich in wechselnder Zusammensetzung weitere Teilnehmerinnen des Wirtschaftsdialogs, die eigene Aspekte beisteuerten. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in der es um mögliche Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz ebenso ging wie um die Ausbildung künftiger Fachkräfte sowie um „Dauerbrenner“ wie Bürokratieabbau oder Regulatorik.

Zum Abschluss des fachlichen Teils der Veranstaltung tauschten sich die anwesenden Unternehmerinnen in vier Arbeitsgruppen zu folgenden Themenbereichen aus: „Ketten sichern – Maritimes & Infrastruktur“, „Energie umbauen – Energie & Industrie“, „Mehr als Fisch und Kohl – Ernährungswirtschaft“ sowie „Wissenschaft & Praxis“ – Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“. Bei der Präsentation der Ergebnisse wurde einmal mehr deutlich, dass unterschiedliche Perspektiven und Fachkenntnisse einen deutlichen Mehrwert für die Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze bieten. Oder, wie es Moderatorin Ann-Cathrin Papathanassis zusammenfassend formulierte: „Für die Kürze der Zeit haben wir hier viel erreicht und eine gute Diskussionsgrundlage geschaffen.“

Handlungsfelder für die Region

Unter dem Strich identifizierten die Teilnehmerinnen des Wirtschaftsdialogs verschiedene Handlungsfelder, von denen das erste die Wettbewerbsfähigkeit betraf. Auf allgemeine Zustimmung stieß die Einschätzung, dass zu viele Vorgaben gerade kleine Betriebe bremsten. Hier wünschten sich die Unternehmerinnen einfachere Verfahren, eine einmalige Abfrage von Daten und mehr Freiraum statt Kontrolle.

Das zweite Handlungsfeld stellte eine Verbindung zwischen den Bereichen Energie, Infrastruktur und Resilienz her. Der Norden solle dezentral erzeugen, Wertschöpfung in der Region halten und Lieferketten breiter aufstellen, hieß es. Dazu trage auch die Kooperation zwischen Branchen und entlang der Wertschöpfungskette bei.

Als dritter Punkt wurden die Themen Bildung und Fachkräfte benannt. Letztere würden überall knapp, während sich zugleich ändere, welche Kenntnisse zählten. Vor dem Hintergrund, dass künstliche Intelligenz die Ansprüche verschiebe, werde die Bewertung von Ergebnissen wichtiger als die reine Recherche. Schule, Hochschule und Wirtschaft müssten enger zusammenrücken. Darüber hinaus sei sicherzustellen, dass der Mittelstand nicht länger durch Kosten, Auflagen und knappes Kapital gebremst werde.

Am Ende stand ein Bündel klarer Forderungen an die Politik, die sich in Kürze so zusammenfassen lassen: Bürokratie abbauen, Energie und Infrastruktur verlässlich aufstellen, Bildung an die Arbeitswelt anpassen, Innovation erleichtern und offene Märkte stärken.

Kontakt:
Christiane Weiß, Tel. 0421 3637-248
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