Für die NATO sind Bremerhaven und Bremen wichtige logistische Knotenpunkte, daher investiert der Bund insgesamt 1,35 Milliarden Euro in die Sanierung der Infrastruktur. Mindestens ebenso wichtig sind jedoch die technologischen Fähigkeiten der regionalen Industrie in den Bereichen Raumfahrt und Marine, um die Bundewehr wieder verteidigungsfähig zu machen.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat schon vom ersten Moment an gezeigt, dass Verteidigung heute ein deutlich vielschichtigeres Konzept erfordert als in der Vergangenheit. Der Krieg begann nicht mit einem Schuss, sondern mit einem Cyberangriff auf ein Netzwerk des amerikanischen Betreibers Viasat, das auch vom ukrainischen Militär genutzt wurde. Eine Stunde nach dem Hack, der die Kommunikation in der Ukraine teilweise lahmlegte, marschierten die russischen Truppen ein.
Der Vorfall hat beispielhaft gezeigt, wie wichtig es ist, über neue Technologien zu verfügen, um die Verteidigungsfähigkeit zu sichern. Ebenso deutlich hat der Krieg seither gezeigt, dass diese Verfügbarkeit nur gewährleistet ist, wenn ein Staat direkten Zugriff auf die benötigten Systeme hat, denn die USA sind nicht mehr der Sicherheitsgarant für Europa, der sie Jahrzehnte lang waren. Nicht zuletzt hat die Ukraine aber auch bewiesen, dass Innovationskraft ein entscheidender Faktor ist, um sich gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner erfolgreich zu wehren.
Deutschland hat in all diesen Punkten Nachholbedarf, allerdings ist seit der „Zeitenwende“-Rende des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz im Februar 2022 tatsächlich viel in Bewegung gekommen. Besonders spürbar ist dies zurzeit in Bremen und Bremerhaven: Das Bundesland hat besondere Stärken in den Bereichen Rüstungsindustrie und Raumfahrt – zwei Feldern, die aufgrund der geopolitischen Lage weltweit einen Boom erleben. Dies spiegelt sich auch in der regionalen Konjunktur wider, die sich besser entwickelt als im Bundesdurchschnitt.
Von den öffentlichen Investitionen profitieren jedoch nicht nur diese Branchen, sondern der ganze Standort. Die 1,35 Milliarden Euro des Bundes fließen in Infrastrukturmaßnahmen für den Bremerhavener Überseehafen und den Flughafen Bremen. Der Bremer Senat beteiligt sich mit 200 Millionen Euro an den Kosten der Maßnahmen, weil sie auch der zivilen Wirtschaft zugute kommen. Das Bundesverteidigungsministerium hat darüber hinaus angekündigt, dass es eine Zweigstelle des Beschaffungsamts der Bundeswehr mit einem besonderen Fokus auf Raumfahrt und „die Dimension See“ in der Hansestadt einrichten wird. Ein konkreter Zeitplan ist nicht bekannt, aber das Amt könnte mehr als 100 Mitarbeitende beschäftigen.
Weltraum gewinnt an Bedeutung
Die erhöhte Aufmerksamkeit für Raumfahrttechnologien kommt für die Bremer OHB SE nicht überraschend. Sicherheitspolitik sei in den letzten 20 Jahren eher auf Terrorismusbekämpfung und asymmetrische Bedrohungen fokussiert gewesen, sagt Vorständin Sabine von der Recke. Die potenziellen Gegner dort verfügten kaum über Fähigkeiten im Weltraum. „Jetzt muss man sich, so traurig es ist, mit einem Gegner Russland auseinandersetzen, und das ist eine der großen Weltraummächte“, so von der Recke.
Die OHB-Vorständin hebt hervor, dass Deutschland jetzt zum ersten Mal eine Weltraumsicherheitsstrategie hat. Und – im Gegensatz zu zahlreichen anderen Strategien der letzten Bundesregierungen – sei diese sogar mit Geld hinterlegt, nämlich 35 Milliarden Euro, die bis 2030 investiert werden sollen. Mit den ambitionierten Vorhaben rücke Deutschland im Weltraum an die vierte Stelle hinter den USA, China und Russland auf.
Zusammen mit Rheinmetall hat OHB daher in Bremen ein Joint Venture gegründet, das Kommunikationssatelliten für die Bundeswehr bauen soll. Für OHB gibt es aber schon vorher zu tun: Die EU hat bereits einen Milliardenauftrag für den Bau von Satellitenplattformen an das Unternehmen erteilt. OHB arbeitet aber auch an neuen Möglichkeiten, die Satelliten ins All zu transportieren. Im Moment gibt es nur eine europäische Rakete und einen Startplatz in Südamerika. „Wenn jemand verhindern will, dass wir Raketen ins All schicken, ist das nicht so schwer“, sagt von der Recke. Die Ariane bleibe für Bremen sehr wichtig, aber gleichzeitig verfüge der Standort über die seltene Kombination aus Raumfahrt- und Schiffbaukompetenz, sodass sich unter anderem die Entwicklung von schwimmenden Startplattformen für kleinere Raketen anbiete.
Die maritimen Kompetenzen in Bremerhaven und Bremen kommen bereits beim Bau von Fregatten und der Entwicklung von digitalen Systemen für Schiffe und U-Boote zum Tragen. Die Stahlbau Nord GmbH hat kürzlich den Auftrag zum Bau von vier neuen Fregatten erhalten, die schon 2029 abgeliefert sein sollen. Die NVL, die von Lürssen auf Rheinmetall übergegangen ist, fertigt ebenfalls Marineschiffe, während andere Rheinmetall-Gesellschaften sowie TKMS Atlas Elektronik (s. S. 28-29) und Saab in Bremen vorrangig IT-Lösungen entwickeln.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrt ist neben OHB und Ariane auch Airbus Defence & Space ein zentraler Akteur – sowohl mit dem Bau des Transportflugzeugs A400M als auch mit der Satellitenproduktion. In Bremen werden vor allem die Rumpfsegmente der A400M zusammengefügt. Das Flugzeug kann nicht nur zum Transport von Menschen und Material eingesetzt werden, sondern beispielsweise auch als fliegende Tankstelle für Kampfjets oder als Intensivstation. Darüber hinaus verfügt Airbus in Bremen über sehr hohe Raumfahrtkompetenz, unter anderem durch aktuelle Projekte wie das Europäische Service-Modul (ESM) für das Orion-Raumschiff und das Nachfolgeprojekt der Internationalen Raumstation ISS, das Starlab.
Chancen für den Mittelstand
Um die Großaufträge abwickeln zu können, sind die Konzerne auf zahlreiche Zulieferer angewiesen. Die Bundesregierung und die EU legen bei ihren Ausschreibungen mittlerweile auch Wert darauf, dass in Bereichen wie der Raumfahrt ein Ökosystem aus mittelständischen Betrieben und Start-ups genährt wird. OHB-Vorständin Sabine von der Recke betont, dass die Erfahrungen und Produkte der Automobilzulieferer im Bereich der Serienproduktion beispielsweise auch beim Bau von Kleinsatelliten helfen können.
Sie wünscht sich daher auch, dass Bremen selbstbewusster zu seiner Rolle als wichtiger Rüstungsstandort steht. Es sei positiv, dass sich an der Außendarstellung in den letzten Jahren schon einiges geändert habe, aber man müsse die Menschen noch mehr mitnehmen und ihnen zeigen, dass die Branche hier wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch eine bedeutende Leistung für die Gesellschaft erbringe. Daher spricht sie sich auch vehement für die Abschaffung der Zivilklausel aus: „Es wäre wichtig, dass man einfach mal dieses Zeichen setzt.“ Ein Projekt wie das Innovationshub für Sicherheit und Verteidigung an der TU München sei in Bremen beispielsweise nicht möglich.
Auch müssten Straftaten gegen Unternehmen oder ihre Mitarbeitenden, die in Rüstungsprojekten tätig sind, wie an anderen Standorten konsequenter verfolgt werden, fordert von der Recke. „Wir sind im Technologiepark, weil wir eine Nähe zur Forschung brauchen. Wir haben hier immer ein offenes Haus gehabt und sind eine Firma, bei der viel auf dem Flur geredet wird, weil sich große technologische Herausforderungen nur so lösen lassen. Das geht nicht, wenn wir hohe Zäune bauen müssen, um uns zu schützen.“ Die Bedrohung komme zwar nicht nur von linken Extremisten, sondern auch von russischen Saboteuren, dennoch sei es auch kulturell für das Unternehmen eine Herausforderung. „Es geht um die Haltung.“
Handelskammer unterstützt Abschaffung der Zivilklausel
Die Handelskammer Bremen unterstützt den Vorstoß von Wissenschaftssenatorin Dr. Henrike Müller, die sogenannte Zivilklausel im Bremischen Hochschulgesetz abzuschaffen. „Die geopolitische Situation in der Welt, die konkrete Bedrohungslage Deutschlands sowie die Souveränitätsbestrebungen Europas haben sich in den zurückliegenden Jahren derart schnell und dramatisch verändert, dass wir es uns nicht länger leisten können, auf die enge Zusammenarbeit von Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu verzichten, weil es ganz oder auch nur zum Teil um militärische Aspekte gehen könnte“, sagt Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Fonger. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern habe Bremen hier durch die Verankerung im Hochschulgesetz eine außerordentlich hohe Hürde errichtet.
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Die Satellitentechnik ist zur Schlüsselkompetenz für die Verteidigungsfähigkeit geworden. OHB hat daher kürzlich einen Auftrag über 1 Milliarde Euro für die Fertigung von Kommunikationssatelliten gewonnen.
Foto: OHB/Stefan Gerding