Noch ist es die Ausnahme, aber Beispiele aus der Praxis zeigen: Top- und Jobsharing tragen nicht nur zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei, sondern schaffen für Unternehmen und Teams auch einen konkreten Mehrwert. Wie das funktionieren kann, schilderten drei Referentinnen beim 5. Treffen des Handelskammer-Unternehmerinnen-Netzwerks im Haus Schütting.
Ursprünglich war die Geschäftsführung des Bereichs „Fachkräfte und lebenswerte Metropole“ bei der Handelskammer Hamburg vor fünf Jahren gar nicht als Jobsharing-Stelle ausgeschrieben. Michaela Beck und Anna Heidenreich bewarben sich dennoch gemeinsam – und gaben sich den Namen „Team Heideck“, um von Anfang an deutlich zu machen, dass sie nach außen als eine Person auftreten würden. Die Strategie ging auf: Die beiden wurden das erste Führungstandem in der Geschichte der Hamburger Handelskammer und blieben in dieser Position, bis sie vorigen Oktober jeweils andere Aufgaben übernahmen.
„Ich habe immer nach Lösungen gesucht, wie ich Familie und Job unter einen Hut bekommen kann“, berichtete die dreifache Mutter Michaela Beck den Unternehmerinnen beim jüngsten Netzwerk-Treffen. Die Variante des Topsharings, also der geteilten Führung, habe sich für sie als optimal erwiesen. „Aus Erfahrung kann ich jetzt sagen: Es ist ein Arbeitsmodell, das wahnsinnig viel Spaß macht. Und das für viele Lebenssituationen passt – nicht nur für Frauen.“
Eins plus eins gleich drei
Zugleich bringe das Modell Unternehmen, die dafür offen seien, auch einen konkreten Mehrwert, machte Beck deutlich. „Die Jobsharing-Formel lautet: Eins plus eins gleich drei“, erläuterte sie mit Blick auf die in einer Doppelspitze vereinte vielfältige Kompetenz. „Unter dem Strich steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass bessere strategische Entscheidungen getroffen werden.“ Natürlich brauche es zum Gelingen gewisse Absprachen und eine gute Organisation. Die Einführung von Jobsharing sei aber keine Rocket Science, betonte sie. Und ergänzte mit Blick auf den Fach- und Führungskräftemangel: „Das ist eine schnell umzusetzende Maßnahme, die schon morgen wirkt.“
Kein klassisches Jobsharing, aber eine doppelte Geschäftsführung: So stellt sich das aktuelle Arbeitsmodell von Maike Conrads dar, die seit 2022 Geschäftsführerin der Bremer IT-Agentur Neuland ist. Seit Februar dieses Jahres bildet die Diplom-Betriebswirtin gemeinsam mit Sven Bange die Doppelspitze, beide arbeiten Vollzeit – dabei ist sie für den kaufmännischen Part zuständig, er für den technologischen. Einige zentrale Bereiche bearbeiten beide gemeinsam.
Neben verschiedenen wöchentlichen Routinen, auf die sie sich zur Organisation ihrer Zusammenarbeit verständigt haben, stehen regelmäßig auch Strategietage und Supervisionen auf dem Programm. „Das ist auch eine Beziehungsebene, die wir da haben“, berichtete Conrads. „Man bringt da ganz viel Persönliches ein. Darum ist es wichtig, immer wieder zu schauen, wie die Zusammenarbeit läuft und wo es Reibungen gibt.“
„Nicht bei den Risiken und Herausforderungen hängenbleiben“
Führung zu zweit bedeute nicht halbe Arbeit, hob die Neuland-Geschäftsführerin hervor. „Aber es heißt, die Verantwortung nicht allein zu tragen.“ Für das Unternehmen seien damit gleich mehrere Vorteile verbunden: unter anderem die gegenseitige Vertretung und Entlastung, mehr Kapazitäten für wichtige Themen, eine breitere Expertise sowie verschiedene Blickwinkel auf Entscheidungen. Dessen ungeachtet bringe ein solches Modell aber natürlich auch Herausforderungen und Kosten mit sich – nicht zuletzt den Zeitaufwand für Abstimmungen. Unter dem Strich funktioniere die Doppelspitze für sie persönlich gut, stellte Conrads fest. Ihr Fazit: „Sie funktioniert über Vertrauen, nicht über Aufteilung.“
Als dritte Referentin des Tages betonte Rena Fehre von der Bremer Landesagentur für berufliche Weiterbildung und Transformation (Labew+) abschließend noch einmal, dass Topsharing ein wesentlicher Hebel für Gleichstellung sei. „Es ist ein innovatives Management-Tool, das traditionelle, zeitintensive Führungsstrukturen aufbricht“, sagte sie. „Und es zielt auf alle Mitarbeitenden, nicht nur auf Frauen.“
Der Erfolg in der Umsetzung hänge maßgeblich von der Passung des Tandems sowie der organisatorischen Unterstützung ab, erläuterte Fehre. Persönliche Kompetenzen und betriebliche Rahmenbedingungen müssten dabei ineinandergreifen. „Es geht darum, nicht bei den Risiken und Herausforderungen hängenzubleiben, sondern die vielen Erfolgsfaktoren in den Blick zu nehmen.“ Wenn das gelinge, könnten Unternehmen auf verschiedenen Ebenen vom Topsharing-Modell profitieren – unter anderem durch eine Steigerung von Produktivität, Effizienz und Arbeitgeberattraktivität.
Kontakt:
Christiane Weiß, Tel. 0421 3637-248
weiss@handelskammer-bremen.de
Bild oben:
Das Unternehmerinnen-Netzwerk traf sich dieses Mal zum Frühstück im Haus Schütting.
Foto: Karsten Klama