Europäische Souveränität im Weltraum

OHB und Rheinmetall haben das Joint Venture „OHB Rheinmetall Space Networks GmbH“ mit Sitz in Bremen gegründet, um Satelliten für die Bundeswehr zu bauen. Auch beim europäischen Projekt Iris² spielt OHB eine zentrale Rolle.

Für die Landesverteidigung ist die Verfügbarkeit von Satellitendiensten essenziell: Aufklärung, Kommunikation und Navigation sind heute ohne die Infrastruktur aus dem Weltraum im Prinzip nicht mehr möglich. Bis jetzt wurde ein großer Teil der benötigten Kapazitäten und Fähigkeiten für die NATO von den USA und US-Unternehmen bereitgestellt, allerdings sind in den letzten Jahren erhebliche Zweifel aufgekommen, ob diese Dienste tatsächlich zur Verfügung gestellt werden, wenn ein Mitgliedsstaat sie benötigt – und zu welchem Preis. Gleichzeitig sind die technischen Potenziale der Satellitentechnologie noch einmal deutlich gewachsen.

Im Zuge der „Zeitenwende“ haben die EU – und insbesondere Deutschland – sich daher auf den Weg gemacht, die eigene Satelliteninfrastruktur ambitioniert auszubauen. Während das deutsche System, SatcomBw, explizit für Verteidigungszwecke vorgesehen ist, soll das EU-System Iris² kommerziell betrieben werden und eine Vielzahl an Anwendungen ermöglichen. Beide Systeme haben eins gemeinsam: Wichtige Komponenten werden in Bremen entwickelt und gefertigt.

Sichere Kommunikation für die Bundeswehr

Bei Satcom Bw handelt es sich um ein System für die militärische Satellitenkommunikation. Im Rahmen von Satcom Bw Stufe 3 fertigt OHB aktuell einen geostationären Satelliten, der in einer Umlaufbahn von 36.000 Kilometern Höhe eingesetzt wird. Zwei Satelliten, die im Rahmen von Satcom Bw3 von Airbus Defence & Space entwickelt werden, sollen zwei ältere Modelle ersetzen. Mit Stufe 4 soll das System bald deutlich erweitert werden: Mehrere hundert Satelliten sollen in eine erdnahe Umlaufbahn gebracht werden, um eine leistungsfähige, geschützte und dauerhaft verfügbare Kommunikationsarchitektur zu errichten – ähnlich dem Netz des amerikanischen Anbieters Starlink, aber unter voller Kontrolle der Bundeswehr. Diese Konstellation kann Daten wesentlich schneller übertragen und durch eine globale räumliche Abdeckung die Konnektivität für die weltweite Einsatzfähigkeit der Bundeswehr sicherstellen.

Die Aufträge für das Großprojekt sollen 2027 vergeben werden. Mit der Gründung eines Joint Ventures haben sich OHB und Rheinmetall sehr aussichtsreich positioniert, um dabei eine zentrale Rolle zu spielen. Das gemeinsame Unternehmen soll die Gesamtverantwortung übernehmen – von der Entwicklung und Integration über die Lieferung bis hin zum Betrieb, einschließlich IT-Sicherheit und Cyber Operation Center. „Durch das System sollen Soldaten, Fahrzeuge, Plattformen und Drohnen vernetzt werden“, erklärt OHB-Vorständin Sabine von der Recke. „Sprache, Daten und Echtzeitinformationen werden über alle Führungsebenen hinweg sicher übertragen.“ Satcom Bw4 könne auch für internationale Partner und die Industrie geöffnet werden, sagt sie.

Privatwirtschaftlich betriebenes System für die EU

Das europäische Projekt Iris² ist von vornherein als gemischtes System ausgelegt, das Kommunikationsdienste für öffentliche und private Nutzer bereitstellt und auch privat betrieben wird. Es soll gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastrukturen stärken, Europas Krisenreaktionsfähigkeit erhöhen und dazu beitragen, Funklöcher in ländlichen Regionen zu schließen. Bereits Ende August erhielt OHB den Auftrag, 18 große Satellitenplattformen für eine mittlere Erdumlaufbahn im Gesamtwert von 1 Milliarde Euro zu entwickeln und zu bauen.

Auf europäischer Ebene äußern nicht alle Partner Verständnis, dass Deutschland eine eigene Kommunikationsinfrastruktur im Weltraum aufbaut. „Die Bundesregierung sagt, dass wir diese Fähigkeiten souverän für die Streitkräfte benötigen“, erklärt die OHB-Vorständin, die auch auf die Risiken für Sicherheit und Verfügbarkeit bei einem privaten Betriebsmodell mit vielfältigen Nutzungen verweist – sowie auf unterschiedliche technische Anforderungen. Darüber hinaus sei das Ziel, aufgrund der aktuellen Bedrohungslage bis 2029 kriegstüchtig zu werden. Durch die vielen internationalen Partner, die sich bei Iris² einigen müssen, sei dort möglicherweise mit längeren Abläufen zu rechnen.

Joint Venture soll in Bremen noch wachsen

Die Kooperation zwischen OHB und Rheinmetall ist dagegen auf Geschwindigkeit ausgelegt. Das Joint Venture hat seinen Sitz in direkter Nachbarschaft zu OHB im Technologiepark und verfügt über einen wachsenden eigenen Mitarbeiterstamm. Die Kompetenzen der beiden Muttergesellschaften ergänzen sich ideal: Während die Bremer seit Jahrzehnten Satelliten bauen, entwickeln die Düsseldorfer militärische Fahrzeuge und Kommunikationsinfrastrukturen für den Einsatz am Boden. Das Joint Venture führt beides zusammen, sodass die Raumfahrttechnologie für Endanwender in der Praxis nutzbar wird.

Ein Vorteil ist dabei, dass die zuständigen Rheinmetall-Expertinnen und -Experten ebenfalls an den Bremer Standorten des Unternehmens sitzen. Die OHB Rheinmetall Space Networks GmbH sei jedoch „nicht nur ein Durchlauferhitzer“, während die eigentliche Arbeit in den Muttergesellschaften verrichtet werde, so Sabine von der Recke. Die Firma werde für das Projekt Satcom Bw4 noch wachsen und könne in Zukunft möglicherweise weitere Projekte akquirieren.

ohb.de
rheinmetall.com

Bild oben:
Mit der European Spaceport Company hat OHB ein eigenes Unternehmen gegründet, das die im OHB-Konzern vorhandene Expertise im Bereich Startplatzinfrastruktur bündelt. Ziel ist es, Startmöglichkeiten für verschiedenste Nutzergruppen und Trägerraketensysteme bereitzustellen. Um Konflikte in dicht besiedelten Regionen zu vermeiden, werden auch maritime Startplattformen entwickelt.
Visualisierung: OHB