Die Diskussion über die Zukunft der Stahlindustrie in Deutschland wird häufig mit dem Begriff Transformation verbunden. Das ist nachvollziehbar, denn die Branche steht vor der größten technologischen Veränderung seit Jahrzehnten. Doch bevor wir über die Technologien von morgen sprechen, müssen wir über die Voraussetzungen sprechen, die industriellen Erfolg überhaupt erst ermöglichen. Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie wir Stahl künftig klimafreundlicher herstellen können. Sie lautet, ob Stahl überhaupt weiterhin in Deutschland und Europa produziert werden soll.
Gastkommentar:
Rainer Böse
Chief Executive Officer
ArcelorMittal Bremen und Eisenhüttenstadt
Für den Standort Bremen ist diese Frage von zentraler Bedeutung. Stahl ist weit mehr als ein industrielles Produkt. Die Stahlherstellung bildet das Fundament ganzer Wertschöpfungsketten, sichert tausende Arbeitsplätze und trägt wesentlich zur industriellen Stärke Norddeutschlands bei. Wir haben in Bremen eine leistungsfähige Produktpalette, die im Markt nachgefragt ist. Das bestätigt, dass unser Geschäftsmodell intakt ist.
Wenn Europa seine industrielle Basis erhalten will, dann braucht es wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen.
Und genau darin liegt derzeit die größte Herausforderung. Europäische Stahlhersteller konkurrieren mit Produzenten aus Regionen der Welt, in denen Energie deutlich günstiger ist, Umweltauflagen oftmals weniger streng sind und staatliche Unterstützung wesentlich umfangreicher erfolgt. Während die europäische Industrie hohe Investitionen in Klimaschutz und Dekarbonisierung stemmen soll, verschärfen sich gleichzeitig die Wettbewerbsbedingungen auf den Weltmärkten.
Strompreis wird zum entscheidenden Standortfaktor
Besonders deutlich wird dies beim Thema Energie. Stahlherstellung ist energieintensiv. Deshalb entscheiden wettbewerbsfähige Energiepreise unmittelbar über die Zukunft eines Standorts. Wenn Strom in Deutschland dauerhaft deutlich teurer ist als in anderen Industrieregionen Europas, wird nicht die Technologie zum entscheidenden Standortfaktor, sondern der Strompreis. Wer Stahlproduktion erhalten und gleichzeitig klimafreundlicher gestalten will, braucht deshalb eine verlässliche und international wettbewerbsfähige Energieversorgung. Andernfalls droht die paradoxe Situation, dass Investitionen in Europa ausbleiben und Produktion in Regionen verlagert wird, die unter deutlich niedrigeren Nachhaltigkeitsstandards produzieren.
Eng damit verbunden ist die Diskussion um das europäische Emissionshandelssystem ETS und den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Die Ziele dieser Instrumente sind richtig: Klimaschutz muss wirtschaftlich wirksam unterstützt werden. Gleichzeitig dürfen die Kostenbelastungen für die Industrie nicht schneller steigen als die Möglichkeiten, tatsächlich klimafreundliche Technologien einzuführen.
Deshalb braucht es mehr Flexibilität in der Übergangsphase. Die Reduzierung kostenloser Zertifikate muss die wirtschaftliche Realität der Transformationsprojekte berücksichtigen. Ebenso wichtig ist ein wirksamer Schutz vor Carbon Leakage. Importeure müssen die gleichen CO₂-Kosten tragen wie europäische Hersteller. Und bei Exporten europäischer Hersteller muss es auf der anderen Seite eine Entlastung bei den CO2-Kosten geben. Nur dann entstehen faire Wettbewerbsbedingungen. Ein CBAM, der die tatsächlichen Klimakosten nicht klar darstellt, würde europäische Produzenten benachteiligen, anstatt sie im internationalen Wettbewerb zu stärken.
Genauso wichtig ist ein wirksamer Handelsschutz. Die europäischen Schutzmaßnahmen gegen unfairen Stahlimport sind ein notwendiger Schritt. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich Importströme zunehmend auf weiterverarbeitete Stahlprodukte verlagern. Dort muss nachgebessert werden.
Investitionen in den Klimaschutz
Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen investieren wir bei ArcelorMittal konsequent in Projekte, die Energie effizienter nutzen und CO₂-Emissionen reduzieren.
Dazu gehört der Aufbau von Batteriespeichern, die helfen, Energie intelligenter zu nutzen und Lastspitzen zu reduzieren. Mit der Thermobox werden Abwärmepotenziale besser genutzt und Energieverluste verringert, indem Vorprodukte warm gehalten und zur Weiterverarbeitung nicht komplett neu erhitzt werden müssen. Ein neues Gebläse am Hochofen steigert die Effizienz bestehender Anlagen und senkt den Energiebedarf der Produktion. Parallel dazu treiben wir Projekte im Bereich Windenergie voran, um langfristig den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Gemeinsam mit Energieversorger EWE ist zudem ein Elektrolyseur mit acht Megawatt Leistung für ArcelorMittal im Bau. Dieses Pilotvorhaben soll ersten grünen Wasserstoff zum Einsatz bei der Stahlherstellung vor Ort liefern.
Diese Investitionen zeigen, dass Klimaschutz und industrielle Verantwortung keine Gegensätze sind. Sie zeigen aber auch, dass Unternehmen bereits heute handeln und investieren, obwohl viele zentrale Rahmenbedingungen noch nicht ausreichend gesichert sind.
Die Zukunft der Stahlindustrie entscheidet sich deshalb nicht allein an den Werkstoren. Sie entscheidet sich gleichermaßen in der Energiepolitik, in der Klimapolitik und in der Handelspolitik Europas. Die Entwicklung von grünen Leitmärkten gehört dazu, damit Nachfrage nach emissionsarmen Produkten entsteht und weiter steigt – eine Voraussetzung für Investitionen in Transformation. Wettbewerbsfähige Energiepreise, ein wirksamer Handelsschutz, faire CO₂-Regeln und verlässliche Investitionsbedingungen sind keine Sonderwünsche der Industrie. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Stahl auch künftig in Bremen produziert werden kann.
Denn am Ende gilt eine einfache Wahrheit: Nur eine wettbewerbsfähige Industrie kann investieren, Arbeitsplätze sichern und Transformation erfolgreich gestalten. Wer klimaneutralen Stahl in Europa haben will, muss deshalb zuerst dafür sorgen, dass Stahlproduktion in Europa auch morgen noch wirtschaftlich Sinn macht. Bremen kann dafür ein starkes Beispiel sein – wenn die richtigen politischen Bedingungen geschaffen werden.
Bild oben:
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Mit der Thermobox werden Abwärmepotenziale im Stahlwerk besser genutzt und Energieverluste verringert, weil Vorprodukte warm gehalten und zur Weiterverarbeitung nicht komplett neu erhitzt werden müssen.
Foto: ArcelorMittal Bremen