Unter dem Motto „KI im Norden" zeigte ein Industrial Networking Event am 13. August in der Handelskammer Bremen, welche Bandbreite an konkreten Anwendungen schon jetzt in der Region umgesetzt wird.
Im August stand Bremen im Zeichen des „Summer of AI“, der seinen Höhepunkt mit der internationalen KI-Wissenschaftskonferenz IJCAI erlebte und bereits zuvor mit der 49. Deutschen KI-Konferenz begonnen hatte. Letztere bildete den Rahmen für die Veranstaltung „KI im Norden“, die Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft im Schütting zusammenführte. Der Veranstaltungsort hatte dabei Symbolkraft: „Die Handelskammer hat Jahrhunderte überlebt, weil sie relevant geblieben ist“, erläuterte Handelskammer-Syndicus Dr. Frank Thoss bei der Begrüßung. Dies gelinge nur, wenn man sich immer wieder für transformierende Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft öffne – zuletzt beispielsweise für das Thema Migration, aktuell für die Künstliche Intelligenz.
Wie wichtig die Fähigkeit zur Transformation ist, demonstrierte auch Keynote-Sprecher Michael Spranger, der Präsident von Sony AI. Noch im Jahr 2000 sei Sony zu 90 Prozent ein Elektronikkonzern gewesen, berichtete er – mittlerweile werde jedoch fast der komplette Umsatz mit Entertainmentprodukten erzielt.
Sprangers Team nimmt bei dem weiteren Wandel eine wichtige Rolle ein, denn auch ein internationaler Konzern wie Sony hat angesichts der rasanten KI-Entwicklung mehr Fragen als Antworten. So wird es auch als großer Erfolg gewertet, dass die Endkunden sich mittlerweile bei den ersten KI-Produkten zahlungsbereit zeigen.
Den Menschen besser machen
Spranger stellte den Weg von der Forschung zum kommerziellen Erfolg anhand des Autorennsimulators Gran Turismo dar. Ziel war es, einen KI-Agenten zu entwickeln, der besser abschneidet als die besten menschlichen Fahrer. Im Vergleich zu Spielen wie Schach oder Go ist der Schwierigkeitsgrad deutlich erhöht, weil die KI beim Autorennen auch physikalische Gesetze realistisch berücksichtigen muss. Darüber hinaus muss sie taktisches Fahren erlernen – und die gebotene Etikette, um nicht als Rüpel auf der Rennstrecke verschrien zu sein. Mittlerweile hat der KI-Agent die weltbesten Gran-Turismo-Spieler laut Spranger nicht nur überholt, sondern diese schauen sich sogar neue Tricks und Taktiken bei ihm ab. Die KI-Anwendung kann nun käuflich erworben und fürs individuelle Training genutzt werden, was bereits viele Kunden für sich nutzen.
Für Sony AI ist dies jedoch nur einer der ersten Schritte. Die KI, die jetzt ein komplexes physisches Verständnis hat, wurde auch bereits in Tischtennisrobotern eingesetzt, wo sie ebenfalls mit hochklassigen Spielerinnen und Spielern mithält. Die einmal entwickelte KI-Plattform soll künftig mit entsprechenden Anpassungen für vielfältige Anwendungen nutzbar sein. Dabei soll sie immer eine angenehme Interaktion mit der KI gewährleisten und den Menschen gleichzeitig besser machen. „Das ist der Spaß an KI“, so Spranger.
Rund 200 Anwendungsfälle bei Buhlmann
Bei den regionalen Unternehmen, die ihre eigenen KI-Anwendungen im Anschluss an die Keynote vorstellten, stehen Spaß und Entertainment nicht im Vordergrund, allerdings berichteten auch sie von einer positiven Resonanz auf die neue Technologie in ihren Unternehmen. Damit die Einführung gelingt und nicht zur frustrierenden Erfahrung wird, sollten jedoch einige Dinge beachtet werden, wie Heiko Butz von der Buhlmann-Gruppe berichtete. Bei dem Handelshaus für Stahlrohre, Rohrverbindungsteile und Zubehör setzen weltweit bereits 1000 Mitarbeitende KI ein, wobei sie fast 200 Anwendungsfälle entwickelt haben, angefangen mit niedrigschwelligen Aufgaben wie dem Zusammenfassen von Besprechungen oder dem Übersetzen von Texten. Aber auch die Digitalisierung von handschriftlich ausgefüllten Formularen im Lager hilft, viel Zeit zu sparen.
Alle beteiligten Mitarbeitenden bei Buhlmann müssen den Nutzungsbedingungen zustimmen, die in einem kurzen Video zusammengefasst sind. Und mehr als 50 Mitarbeitende dienen inzwischen als Multiplikatoren, um Kolleginnen und Kollegen beim Einsatz von KI zu unterstützen.
Gute Erfahrungen mit KI hat auch die Firma Öltjen Logistik gemacht. Dort gehen monatlich 12.000 bis 15.000 Transportaufträge per E-Mail ein, die bis jetzt manuell ausgewertet wurden. Die KI-unterstützte Auftragserfassung führt nach Angaben der Digitalisierungsmanagerin Jana Beutelspacher dazu, dass den Mitarbeitenden viel monotone Arbeit erspart bleibt und sie sich stattdessen auf die Prüfung der Fälle konzentrieren können, was auch angesichts des Fachkräftemangels in der Branche ein Gewinn sei. Jonas Tiggemann, der das Projekt seitens des IT-Dienstleisters HEC betreut, rechnete vor: „Selbst wenn pro Auftrag nur eine Minute gespart wird, sind das pro Monat rund 230 Stunden.“
Weitere Anwendungsbeispiele steuerten die Unternehmen Contact Software, Fuseki, Lenze/Encoway, Ma-Co und Mercedes-Benz bei. Das Handelskammer-Event bot dabei auch die Möglichkeit, sich im Rahmen der KI-Konferenz als attraktiver Arbeitgeber für Fachkräfte zu positionieren.
Bild oben:
Keynote-Sprecher Michael Spranger, Präsident von Sony AI.
Foto: Karsten Klama