Die internationale Raumfahrt wird zurzeit vom Trend zur Industrialisierung geprägt, aber auch von der Sorge vieler Regierungen vor zu großer Abhängigkeit von anderen Staaten. In Bremen verfügt die Branche über vielfältige Kompetenzen, die Europas Souveränität im Weltraum deutlich stärken und gleichzeitig das Leben auf der Erde wesentlich nachhaltiger gestalten können.
Die Internationale Raumstation ISS stammt aus einer optimistischen Zeit, in der die weltweite Staatengemeinschaft den Kalten Krieg überwunden hatte und stattdessen verstärkt die Kooperation suchte. Statt im All zu konkurrieren, gaben der amerikanische Vizepräsident Al Gore und der russische Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin im September 1993 die Pläne für eine gemeinsame Raumstation bekannt. Insgesamt 15 Nationen schlossen sich dem Projekt in den folgenden Jahren an. Gemeinsam haben sie mittlerweile mehr als 40 Module und Elemente – zum Beispiel Roboterarme – an der Station installiert, darunter das europäische Modul „Columbus“ aus Bremen.
Diese Sternstunde der freundschaftlichen internationalen Kooperation wird sich nicht wiederholen, wenn die ISS im Jahr 2030 über dem Pazifik zum Absturz gebracht und ein Nachfolgeprojekt für die marode gewordene Raumstation gebraucht wird (s. Seite 26). Im All steht mittlerweile wesentlich mehr auf dem Spiel: Ein Land, dem der Zugang zu Satellitendaten entzogen wird, versinkt innerhalb kürzester Zeit im Chaos. Die Raumfahrt ist damit ein zentrales Machtinstrument geworden.
ESA-Minister treffen sich in Bremen
Vor diesem Hintergrund wurde Bremen im November für zwei Wochen zum Nabel der europäischen Raumfahrtwelt. Zunächst versammelten sich rund 10.000 Branchenvertreterinnen und -vertreter bei der Space Tech Expo, Europas größter Raumfahrtmesse. Mit mehr als 950 Ausstellern aus über 40 Ländern war sie gegenüber dem Vorjahr (700 Aussteller) noch einmal deutlich gewachsen. Am 26. und 27. November folgte die ESA-Ministerratskonferenz, zu der sich die zuständigen Ministerinnen und Minister der 23 ESA- Mitgliedsstaaten alle drei Jahre treffen, um Budgets auszuhandeln und gemeinsame Programme für die Folgejahre festzulegen.
Die Bundesregierung sandte in den letzten Monaten teilweise widersprüchliche Signale aus: Einerseits sieht der Bundeshaushalt für 2026 weniger Mittel für die Raumfahrt vor als im Koalitionsvertrag vereinbart, andererseits hat Verteidigungsminister Boris Pistorius angekündigt, bis 2030 insgesamt 35 Milliarden Euro aus dem Verteidigungsbudget für Weltraumprojekte zu investieren. Im Vorfeld der Ministerratskonferenz gingen Beobachter auch davon aus, dass der deutsche Beitrag zum ESA-Budget deutlich steigen wird, wenn auch nicht auf das Niveau, das die drei Raumfahrt-Hochburgen Bremen, Bayer und Baden-Württemberg gemeinsam gefordert hatten.
Für Bremen sind weitere Investitionen enorm wichtig, denn die Luft- und Raumfahrtbranche beschäftigt im Bundesland rund 12.000 Mitarbeitende und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 4 Milliarden Euro mit mehr als 140 Unternehmen und 20 wissenschaftlichen Instituten. Bremens Raumfahrtkoordinator Siegfried Monser hofft für die kommenden Jahre unter anderem auf umfassende Investitionen in den Satellitenbereich, denn das Bundesland ist traditionell stark in der Erdbeobachtung, dem Klimaschutz und der Navigation aufgestellt.
Ein weiterer Bereich ist das Thema Raumtransport. In Bremen wird die Oberstufe der Ariane-Raketen gefertigt. Auch das europäische Service-Modul (ESM) für die amerikanischen Orion-Raumschiffe stammt aus der Hansestadt. „Ohne Bremen kommen die Amerikaner im Moment nicht zum Mond“, sagt Monser.
Allerdings plant die US-Regierung zurzeit, die Artemis-Missionen der Orion-Raumschiffe zu beenden. Nicht zuletzt aufgrund solcher politischer Unwägbarkeiten hat die ESA ihr FLP-Programm gestartet (Future Launchers Preparatory Programme), das die europäische Souveränität stärken und zukünftig nicht nur den Transport von Nutzlasten, sondern auch von Menschen ermöglichen soll. Siegfried Monser wünscht sich von der Bundesregierung mehr Unterstützung für diese Initiative, die Bremen auch wirtschaftlich zugutekommen könnte. Er sieht in der Branche noch umfassende Möglichkeiten für mittelständische Unternehmen aus angrenzenden Bereichen, Aufträge einzuwerben und selbst die Entwicklung voranzutreiben. Beispielsweise seien auf der Space Tech Expo immer viele Einkäufer unterwegs, sagt er. „Die suchen auch nach neuen Lösungen in Bereichen wie KI und Fertigungstechnik. Die Lieferketten sind recht lang und es werden viele Supplier gebraucht.“
Ein entscheidender Standortfaktor ist darüber hinaus die regionale Wissenschaftslandschaft mit Kompetenzen in Schlüsselbereichen wie Robotik, KI und Materialwissenschaften. Ein besonderes Highlight ist der neue Forschungscluster „Die Marsperspektive“, der zu einer nachhaltigen Exploration des Weltraums und neuen Umwelttechnologien auf der Erde beitragen soll. Der Cluster wird von 2026 bis 2032 im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert.
Impulse für die Kreislaufwirtschaft auf der Erde
Was dies konkret bedeuten kann und wie es sich auch positiv auf die Erde auswirkt, erläuterte der Astronaut Thomas Reiter bei der i2b-Veranstaltung „Leben auf dem Mars“ am 28. Oktober. Er selbst sei schon als Schüler von Büchern des Club of Rome geprägt worden, der seit den 1960er Jahren auf die Endlichkeit der Ressourcen auf der Erde verwiesen und ein Umdenken gefordert hatte. Diese Haltung sei in der Raumfahrt eine zentrale Anforderung, weil alle Mittel im Weltraum aus Kosten- und Logistikgründen extrem sparsam eingesetzt und am besten recycelt werden müssen. Dies gelte besonders für die geplanten Reisen zum Mars.
Thomas Reiter zeigte anhand von Beispielen auf, wie die Marsforschung auch der Nachhaltigkeit auf der Erde dienen kann. So würden für diese Missionen Solarenergiesysteme mit besonders hohen Wirkungsgraden entwickelt. Für die Mars Rover, die den Planet erkunden sollen, sind Radioisotopengeneratoren vorgesehen, die ihre Energie aus der Strahlung radioaktiven Zerfalls erzeugen – eine extrem langlebige und zuverlässige Quelle. Auf einer Raumstation lässt sich auch viel über effizientes Heizen und Kühlen lernen, denn die Temperatur muss ungefähr auf 20 Grad Celsius gehalten werden, sollte aber so wenig wie möglich wertvolle Energie in den Weltraum abstrahlen, sondern sie immer recyceln. Das Gleiche gilt für Wasser.
Um diese hocheffizienten Stoffkreisläufe zu erzeugen, müssen keine neuen Technologien erfunden werden, so der Astronaut. „Wir müssen aber den Wirkungsgrad erhöhen.“ Auch gehe es darum, die vorhandenen Technologien absolut zuverlässig zu machen – und sie müssen für die Crews leicht zu warten sein.
Mit dem Flugzeug ins All
Die zahlreichen Optimierungspotenziale bieten Chancen für vielfältigste Start-ups. Bremen verfügt mit dem ESA BIC Northern Germany über ein Inkubationszentrum der ESA, das beste Bedingungen für die Ausarbeitung neuer Geschäftsideen für die Raumfahrt bietet. Nicht jede Idee setzt sich am Markt durch, aber diejenigen, die es schaffen, weisen hohes Potenzial auf. Ein Beispiel dafür ist Marble Imaging, ein junges Unternehmen, das zurzeit eine eigene Satellitenkonstellation zur täglichen Lieferung von hochaufgelösten Bildern der Erdoberfläche aufbaut. Ein weiteres erfolgreiches Start-up ist die Firma Polaris Raumflugzeuge. Statt mit Raketen ins All zu starten, soll dies künftig mit speziellen Flugzeugen gelingen, die auf Flughäfen starten und landen können und somit hundertfach wiederverwertbar sind.
Für die nächste Generation der Unternehmerinnen und Unternehmer bietet die neue Raumfahrt-Ära nahezu unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Der Standort Bremen liefert beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start.
Bild oben:
Bremer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DLR, des DFKI und der Universität bereiten intensiv die weitere Erforschung des Mondes vor. Bei der ESA Space Resources Challenge 2025 präsentierte das Team Bremen einen mobilen Rover, der den Mondstaub sammelt und zu einer stationären Aufbereitungseinheit bringt. Dort wird er nach Größe sortiert und für die weitere Verarbeitung vorbereitet.
Foto: DLR